Herbstlicht

Die Sonne streift die vor ihm sich ausbreitende Landschaft fast waagerecht. Jede Pflanze wirft unglaublich lange Schatten. Die Pfeifenputzergräser leuchten fast überirdisch und bewegen sich im Takt der Windböen. Die Birkenblätter blinken bei jeder Bewegung als würden sie ihn grüßen. Herr Nipp nimmt einen tiefen Schluck aus seiner Mineralwasserflasche und beißt erneut in den Apfel, den er mitgebracht hat. Die Wärme der Strahlung ist nicht mehr so intensiv wie noch vor einer Woche. So schnell geht das. Jetzt wird es schon wieder Herbst, denkt er und lehnt sich behaglich zurück, dabei schien das Jahr doch gerade erst begonnen zu haben. So schnell geht das also. Aber, und das darf auch mal gesagt werden, er hat es gelernt, jede Minute zu bewusst wahrzunehmen.

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Apfelmühe

Da sitzen sie und schreiben. Schreiben um die Wette als ginge es um ihr Leben, die Ehre und Gewinn oder Verlust eines historischen Großkrieges. Die Köpfe scheinen zu rauchen, zwischen Anspruch und Anspannung, Zuspruch und Zaudern entstehen energiegeladene Wortakkumulationen, Konglomerate des Argumentierens wie Wissens. Welcher Apfel darf wann vermarktet werden und welcher nicht? Die Anwesenden haben eine Aufgabe, die herausfordert und alle Schreibenden fast und per se zum Scheitern verurteilt. Und dann geht es plötzlich wie ein eruptives Zucken durch die Gruppe. Ja. Die Idee. Warum ist da vorher niemand drauf gekommen? Oh man. Als die Reden gehalten werden, merkt jede und jeder sofort, hier ist etwas in und zwischen jeder und jedem passiert . Und Herr Nipp hat selten so lachen müssen, wie abstrus Begründungen verfasst sein können.

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Lesungseindrücke

Schon lustig, denkt er, würden alle Text von Wortkorrekturprogrammen diktiert, es entstünden ebensolchen Stereotype als solche, die er bei dieser Lesung gehört hat. Immerhin erschienen ihm die Erläuterungen aber fundiert und ehrlich.Herr Nipp ist doch einigermaßen verblüfft, dass anerkannte Literaturverlage solche doch eher blassen Bücher veröffentlichen. Erinnerungen literarisch zu fassen scheint eben doch schwieriger zu sein als gedacht und nicht jeder Autor kann sich zu einem Elias Canetti stilisieren. Aber immerhin durfte er einen unterhaltsamen bis bunten Abend erleben. Das Schönste daran allerdings waren die zynischen Kommentare aus dem Off, die der schmale Mann an der Weintheke von sich gab.

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Spinnen

In der Zeit seines Zivildienstes hatte er einen Mit-Kriegsdienstverweigerer, den Spinnenpeter, der tatsächlich in ihrer gemeinsamen Unterkunft verschiedenste Arachnien hielt und züchtete. Zum Beispiel hatte er eine Metallica, die faustgroß und sehr zahm war, die auch später noch gerne auf dessen Rücken saß, wohl weil es dort so schön warm war. Allerdings gab es auch eine Bombardierspinne mit dem schönen Namen Lasiodora, die war durchaus aggressiv und sah mit ihren langen Celizeren, den Fangzähnen, an denen oft ein Gifttropfen hing, durchaus gefährlich aus. Die war größer als eine Hand und hatte einen massigen braunen und kräftig behaarten Körper, verspeiste gerne mal eine Maus und könnte angeblich einen Meter hoch springen. Spinnenpeter erzählte solche Sachen ganz lakonisch und konnte sich daran erfreuen. Heute leitet dieser die arachnologische Abteilung des Senkenberg Institutes und hat angeblich über zweihundert neue Spinnenarten entdeckt. Irgendwann war ein Kokon geschlüpft und einige hundert dieser reizenden Zeit- und Zivibunkergenossen hatten sich in der ganzen Unterkunft verteilt. Alle sechs Ersatzdienstleistenden beteiligten sich am Einfangen und Suchen oder umgekehrt. Eine Folge war, dass Herr Nipp eine gewisse Zeit ebenfalls Spinnen hielt, auch eine schwarze Witwe. Komisch, was einem so alles einfällt, geht es ihm durch den Kopf, nur weil dort neben dem edlen Haupt der Mitbewohnerin ein fast lächerlich kleine schwarze wie haarige Winkelspinne sitzt, die gerade Mal eine Beinspreize von sieben Zentimeter hat..

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Birnen Birnen

Zwei Bäume mit Birnen hat er im Zweitgarten stehen. Der eine hat nur eine Sorte, Gräfin von Paris oder so ähnlich, der andere vier Sorten, unter anderem die deutsche Nationalbergamotte, alle Sorten sehr unterschiedlich und lecker. Er hat einen Beutel voll gepflückt und mit zur Arbeit genommen. In einer Schüssel nett dargereicht standen sie den ganzen Tag herum. Nur zehn Stück wurden gegessen. Warum? Könnte sich der Obstliebhaber fragen. Waren sie zu unschön, zu herb, zu Wurm befallen. Alles wohl nicht gegeben. Wer soll auch wissen, wie etwas schmeckt, wenn nicht gekostet wird. Was Herr Nipp beim Verlassen bemerkte: nebenan auf dem Tisch stand eine Schüssel mit Süßigkeiten; die war am Ende des Tages leer.

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